Gundula Martin Sonderpreis, Nils Brück

Preisträger 1998

Im Rahmen einer festlichen Matinee wurde am Sonntag, dem 4. Oktober 1998, im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus nun bereits zum zweiten Mal der Max-Grünebaum-Preis verliehen. Nils Brück, der jüngste männliche Darsteller im Schauspielensemble, konnte den mit 10.000 DM dotierten Preis und dessen „künstlerisches Gesicht“, eine auch in diesem Jahr wieder von Lothar Scharsich geschaffene Maske, aus den Händen von Karl M. Newman, Enkel von Max Grünebaum, einer der Stifter – mit seiner Schwester Ursula Hulme eigens aus London angereist -, entgegennehmen.

Nils Brück – Schauspiel

Nils Brück – Schauspieler

Nils Brück

Max-Grünebaum-Preis

Nils Brück – der jüngste männliche Darsteller im Schauspielensemble – ist nach einer Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und einem ersten Engagement am Maxim – Gorki –Theater nun seit drei Jahren am Staatstheater Cottbus engagiert.

In der Spielzeit 1997/98 bewies er in vier verschiedenen Rollen – als Peter, Tommy, Klaus-Peter und Mosca – eine darstellerische Vielseitigkeit und Qualität, die für einen solch jungen Schauspieler höchst bemerkenswert ist und die Maßstäbe setzt.

So verkörpert Nils Brück den jungen Peter in Maxim Gorkis Stück „Die Letzten“. Er zeigt ihn als ein staunendes, neugieriges Kind mit ungebrochenem Glauben an die Welt, das voller wacher Intelligenz nach der Wahrheit sucht und die uneingestandene Schuld der Eltern begreift. Brück läßt mit expressiver Emotionalität in Peter einen großen Konflikt aufbrechen. Er gibt dessen seelischer Qual in einem manchmal vor Schmerz verkrümmten Körper Ausdruck und macht sichtbar, wie hilflos und dennoch bewußt Peter seinen Ausweg und Protest in der Selbstzerstörung sucht, wie er erwachsen wird und zugleich an der Wahrheit zu zerbrechen droht. – In einem überzeugenden realistischen Spiel lotet Nils Brück mit berührender Sensibilität und psychologischem Einfühlungsvermögen die Tiefe seiner Figur aus und macht sie zu einer höchst gegenwärtigen, indem er den Konflikten junger Menschen von heute nachspürt.

Völlig andere schauspielerische Mittel verlangt die – ganz und gar selbst kreierte – Figur des Musterschülers Klaus-Peter im Schlagerprogramm „Steig in das Traumboot der Liebe“ von Nils Brück ab. Voller Liebe für`s Detail, sein sängerisches und tänzerisches Talent beweisend (Glanzstück ist der hölzern und diszipliniert getanzte Lipsi) und mit Lachsalven erntendem Witz spielt er einen verklemmten, naiven Außenseiter, der gegen den Rest der Schulklasse die politische Linie verteidigt. Erstaunlich ist dabei, daß Brück diesen „Streber“ in keinem Augenblick denunziert. Im Gegenteil, er macht ihn zu einer liebenswerten, komischen Identifikationsfigur.

In Nicky Silvers „Pterodactylus“ wird der Zuschauer mit Nils Brücks Tommy zwischen Komik und Erschrecken hin- und hergerissen. Vom braven, charmanten Schwiegersohn, der noch pubertäre Probleme mit sich herumschleppt, avanciert Tommy zum eifrigen Dienstmädchen im „kurzen Schwarzen“ und erlebt schließlich in einer berührenden Liebesszene mit dem Sohn des Hauses sein Coming-out. Zum Mann geworden lebt er seine neu entdeckte Sexualität brutal aus, infiziert sich dabei mit Aids und erwartet schließlich verstört und voller Angst sein Todesurteil. – Nils Brück brilliert hier mit den Schauspieltechniken des Boulevardtheaters. Zudem läßt er sich, scheinbar völlig unangestrengt, auf die groteske, überzogene Spielweise ein, treibt die Handlungen seiner Figur für Augenblicke ins Absurde, springt mit verblüffender Leichtigkeit zwischen Komik und Tragik hin und her und verliert dabei nie die ganz konkrete Situation und Motivation. Er spielt mit großer gedanklicher Klarheit blitzschnelle Haltungswechsel und macht so die Widersprüchlichkeit des Tommy durchsichtig.
Beim Spiel unter freiem Himmel und mit Masken in Ben Jonsons Komödie „Volpone oder der Fuchs“ gelingt Nils Brück in der Rolle des Mosca, der Schmeißfliege, ein Meisterstück körperlicher Artistik. Er findet einen kräftigen Gestus zwischen Tier und Mensch: schnell in Körper und Geist, sich klein machend und anbiedernd als Diener seines Herren, frech alles und jeden kostend, ab und zu provokant summend, eklig und witzig in einem. Virtuos und mit schier grenzenloser Spiellust kostet Brück den Spielraum seiner Figur sehr zum Vergnügen der Zuschauer aus. So wird Mosca in
Brücks Darstellung zum eigentlichen Spielmeister, zur offensichtlichen Hauptfigur des Abends.
Vier verschiedene Theaterstoffe, vier verschiedene Rollen – diese Herausforderung hat Nils Brück mit großer Offenheit gegenüber seinen Arbeitspartnern und gleichsam mit stetiger Lust an produktiver, kritischer Auseinandersetzung bravourös gemeistert…
Er beweist sich als ein hoch intelligenter Schauspieler, der in unterschiedlichsten Spielweisen zu Hause ist, der verschiedenste schauspielerische Mittel nicht nur souverän beherrscht, sondern kreativ mit ihnen umgeht, und der so eine äußerst vielseitige Verwandlungsfähigkeit auf der Bühne erreicht. Zudem erntet er für seine darstellerischen Leistungen beim Publikum große Begeisterung, was die wichtigste Bestätigung seiner künstlerischen Arbeit ist. Die Gestaltung dieser vier Rollen in der Spielzeit 1997/98 könnten gegenwärtig als ein Höhepunkt der künstlerischen Arbeit von Nils Brück am Cottbuser Theater bezeichnet werden.

 

Gundula Martin

Sonderpreis

Gundula Martin (Bühnenbildnerin) – Sonderpreis Foto: Marlies Kross

Gundula Martin – Bühnenbildnerin

Einen Sonderpreis – eine mit zahlreichen Theaterbesuchen verbundene Reise nach London – der Stadt, in deren Gegend alle vier Stifter beheimatet sind – erhielt die Bühnen- und Kostümbildnerin Gundula Martin. Der Sonderpreis wurde in diesem Jahr von Karl M. Newman und seiner Schwester Ursula Hulme zusätzlich ausgesetzt.

Gundula Martin war nach einer Ausbildung als Industrieschneiderin und einem Kostüm- und Bühnenbildstudium in Dresden an den Theatern in Neustrelitz, Senftenberg, Frankfurt/O. und Gera tätig, bevor sie 1989 ihr Engagement am Cottbuser Theater begann. Erst vor wenigen Tagen, am 2. Oktober, war ihre Ausstattung der Oper „Quasimodos Hochzeit“ von Rainer Böhm, die ihre Uraufführung am Cottbuser Haus in der Inszenierung von Martin Schüler erlebte, vom Publikum mit Beifallsstürmen bejubelt worden.

Außerdem sorgte sie für die phantasievolle, auf das Cottbuser Theater abgestimmte, Innen- und Außengestaltung des Großen Hauses zu den Festtagen, die großes Echo bei den Cottbusern erfuhr.

Die Laudatio hielt Operndirektor Martin Schüler, den eine intensive Zusammenarbeit bei vielen seiner Inszenierungen mit Gundula Martin verbindet und der ihr Dank sagte für ihre eigene, unverkennbare, prägende Ausstrahlung und künstlerische Handschrift, für ihre Poesie.

Martin Schüler erinnerte sich insbesondere an Gundula Martins Arbeit an seinen Inszenierungen „Rusalka“, „Jenufa“, „Hoffmanns Erzählungen“, „Die Zauberflöte“, „Der Freischütz“, „Fidelio“, „Der fliegende Holländer“, „Dido und Aeneas“ und „Bastien und Bastienne“. Für ihre künstlerische Arbeit an Schauspielproduktionen nannte er stellvertretend „Die Zähmung der Widerspenstigen“, „Der Tartüff“ und „Bernarda Albas Haus“. Den besonderen Reiz der Zusammenarbeit, so Martin Schüler, mache der Spaß Gundula Martins an der Arbeit, ihre Ausstrahlung, das hohe Arbeitstempo und die Qualität ihrer Arbeitsmethode aus. Oftmals, so führte er aus, machte sie  fast Unmögliches möglich.

Karl M. Newman gab in seiner Rede der Hoffnung Ausdruck, durch die Stiftung dieses Sonderpreises eine Verbindung zwischen der Londoner und der Cottbuser Theaterkultur knüpfen zu können und gab seinem Stolz „…auf Ihr und mein Staatstheater Cottbus“ Ausdruck.

Eine Rede von Bürgermeister und Kulturdezernent Bernhard Neisener und zwei künstlerische Beiträge der beiden Preisträger des Vorjahres, des Schauspielers Oliver Bäßler und der Sängerin Gesine Forberger als Geschenk an die diesjährigen Preisträger, gehörten ebenfalls zum Programm der festlichen Matinee.

Die „Max Grünebaum-Stiftung“ wurde im Mai 1997 in Erinnerung an den jüdischen Tuchfabrikanten Kommerzienrat Max Grünebaum, der als erfolgreicher Unternehmer soziales Engagement und Mäzenatentum in vorbildlicher Weise verband und zeitlebens zu den wohlwollenden Förderern des Cottbuser Theaters gehörte, von seinen in England lebenden Enkeln errichtet. Anliegen der Stiftung ist es, das heutige Staatstheater Cottbus durch weitere Zuwendungen zu unterstützen und insbesondere herausragende junge Künstler und Nachwuchskünstler zu fördern.

Eine theaterunabhängige Jury entschied über die Preisträger 1998.