Max Grünebaum-Preisträger 1999 Sigrun Fischer – Schauspiel John Pierce – Gesang

Sigrun Fischer, John Pierce

Preisträger 1999

Die Max Grünebaum-Stiftung würdigte am 16. Oktober 1999, in Cottbus Künstler des Staatstheaters Cottbus mit 2 Max-Grünebaum-Preisen.

Sigrun Fischer – Schauspiel Foto: Marlies Kross

Sigrun Fischer – Schauspielerin

Sigrun Fischer

Max-Grünebaum-Preis

Sie beherrscht Ihre Mittel, den Körper, die Stimme, Mimik und Gestik so gut, dass sie „Kunst mit Fehler“ machen könnte, aber sie macht keine, es sei denn, man bezeichnet ihre Fähigkeit, mit spielerischer Leichtigkeit, Brüche zu setzen, Vorgänge von dramatischer Wucht mit einem Augenzwinkern aufzuheben oder genau den richtigen Toc über das Maß zu setzen, so dass der Vorgang zum zwerchfellerschütternden Ereignis wird als Fehler – so geschehen bei ihren umwerfenden Parodien von Milwa, Mireille Mathieu und Marilyn Monroe oder bei dem tragikomischen Aufstieg und Fall der „Lügnerin von Deutschland“.

Die Rede ist von Sigrun Fischer. In 35 kleinen, mittleren, meist aber großen Rollen – die Übernahmen nicht eingerechnet – stand sie seit 1993 auf den Brettern des Staatstheaters Cottbus – im Großen Haus am Schillerplatz, in der Kammerbühne, in der Theaterscheune Ströbitz und im Haus der Bauarbeiter. Das umfangreiche Repertoire ihrer Rollen zeigt die große Bandbreite der künstlerischen Genres, in denen sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit und Perfektion zu bewegen scheint. Scheint? Alles, was das Spiel von Sigrun Fischer so leicht, so mühelos und so nachhaltig glaubwürdig macht, ist das Ergebnis eines oft selbstquälerischen Prozesses des Suchens,
Ausprobierens, Zweifelns und Infragestellens. Da ist zum einen das ständige Training der Mittel – da ist zum andern der immer wieder neue, ungewisse Weg in die Welt des Stückes, der Figur. Den betritt sie bei aller Neugierde auf die Begegnung mit dem noch Fremden ganz behutsam, mit wachen Sinnen und der Bereitschaft, jedes Signal, jeden Hinweis, jede Schwingung aufzunehmen und sich so im Zusammenspiel mit den Partnern und dem Regisseur schrittweise vorzutasten. Und je mehr sie in das Geheimnis der Figur eindringt, desto reicher und klarer kristallisiert sich ein Entwurf heraus, der jede der Gestalten, die Sigrun Fischer bisher verkörpert hat, etwas Einmaliges verleiht: höchster körperlicher und stimmlicher Einsatz ist gepaart mit großer Emotionalität und
umwerfender Wahrhaftigkeit. Trotzdem bleibt ein Rest, der sie bis zur letzten Vorstellung unzufrieden bleiben lässt und den Figuren ein schwer zu beschreibendes Geheimnis
verleiht. Vielleicht ist es das, dass man ihre Figuren nicht so schnell vergisst, ob es die Mutter in Taboris „Mutters Courage“ ist, die sie vor nunmehr 6 Jahren gespielt hat, die Nieth in der „Umsiedlerin“ von Heiner Müller oder die Jenny in Brechts „Dreigroschenoper“.

Die nachhaltigsten Eindrücke hat Sigrun Fischer wohl aber mit ihrer Gestaltung dreier großer klassischer Frauenrollen hinterlassen: Shen Tel Shui Ta, Katharina und Ophelia. Unterschlagen werden soll auch nicht die bös- komische Konturierung, mit der sie einer Symbolfigur der DDR-Literatur zum szenischen Durchbruch verholfen hat: Frieda Simson. Und dann, Schlag auf Schlag, die Ereignisse der letzten Spielzeit: Die dicke Marianne in „Radieschen von unten“, die SIE im Kneipenabend, Sina in „Cafe Mitte“, Martha im „Profi“, Henriette Knobbe in „Der Staub on Brandenburg“, die Marie in „Clavigo“.

Das letzte Wort soll ein Kritiker des Musikalischen Kneipenabends haben: „Die Frau ist eine Wucht, es gibt unseres Wissens derzeit in deutschen Landen unter den Damen nichts gleichwertiges, bei den Herren kann höchstens ein gewisser Josef Bierbichler vom Hamburger Schauspielhaus mit ihr mithalten. Ihre Stimme trifft nicht nur immer akkurat die richtigen Noten, was selten genug zu hören ist, sondern Sigrun Fischer hat auch ein traumwandlerisch sicheres Rhythmusgefühl, das jeden Uraltschlager zum Swingen bringt als wäre er von Jüngsten Tag. Zudem obwaltet in ihrem Gesang eine Ausdruckskraft, die einen schier schwindelig macht.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

John Pierce

Max-Grünebaum-Preis

John Pierce – Gesang

John Pierce – Sänger

„Oh Königin, Göttin, laß‘ mich ziehn“ fleht Tannhäuser und versucht verzweifelt, dem Alptraum der erotischen Übermacht zu fliehen. Das, was sich Tannhäuser auf der Suche nach seiner eigenen Identität herbeigesehnt hatte, läßt ihn nun nicht mehr los. Und doch gelingt ihm der Ausstieg aus dem Sog einstiger Sehnsucht und der Aufbruch in andere Erfahrungsbereiche.

Wie John Pierce den inneren Konflikt des ruhelosen Tannhäusers in Wagners gleichnamiger Oper gestaltet ist schlechthin beeindruckend. Die Kritik bescheinigte ihm eine „glanzvolle“ differenzierte Leistung in einer „Intensität bis zum Schluß“. Ein Sängerdarsteller, der mit kräftigem, strahlend klaren Heldentenor und den Möglichkeiten zu nuancenreichen Differenzierungen Figuren charakterisiert, sie mit großer Intelligenz, Prägnanz und Wahrhaftigkeit szenisch gestaltet. Und wie sein Tannhäuser ist auch John Pierce „unterwegs“, auf ständiger Suche nach Herausforderungen für sich und seine Stimme.

So konnte beispielsweise die Bild-Zeitung 1997 titeln: „Der Lohengrin aus Cottbus rettet Dortmunds König Arthus“. Was war geschehen? Pierce hatte die Partie des Lanzelot, dieser selten gespielten Oper von Ernest Chausson, in nur einer Woche erarbeitet. Und auf der Suche nach Erfahrungsbereichen. Als vor einer Aufführung des „König Arthus“ in Dortmund der Sänger des Lanzelot krank wurde, rief das Theater morgens bei John Pierce an. Der rettete am Abend die Vorstellung. Das Publikum raste. Ob nun tatsächlich „nur vier weitere Sänger auf der Welt diese Rolle beherrschen“(BILD), erscheint nicht beweisbar. Deutlich jedoch die Lust des Heldentenors John Pierce an der eigenen Herausforderung und an Grenzüberschreitungen.
John Pierce, 1959 in der Nähe von Chicago geboren und seit Spielzeit 1992 Mitglied des Solistenensembles des Staatstheaters Cottbus erhielt seine Ausbildung an der größten amerikanischen Musikhochschule, der Indiana University Bloomington. Ursprünglich als Bariton ausgebildet, wechselte er das Stimmfach – auch eine Grenzüberschreitung – zum Heldentenor, ermutigt durch Norman Johnson, dem Musikdirektor und Intendanten der Piedmont Opera in North Carolina. Sein Debüt als Heldentenor gab John Pierce mit dem Ersten Geharnischten der „Zauberflöte“, eine Partie, die er übrigens einige Jahre später auch am Cottbuser Haus sang. Da sich John Pierce für sein spezielles Stimmfach „Deutscher Heldentenor“ in Europa mehr Einsatzmöglichkeiten versprach, reiste er zusammen mit seiner Frau Alice Pierce zu einem Wettbewerb nach Wien. Er stellte sich bei unterschiedlichen europäischen Agenturen vor. Und so kam es auch zu einem Vorsingen in Cottbus und einem anschließenden Engagement.
Seit 1992 sang John Pierce u.a. so unterschiedliche Partien wie den Hoffmann (in „Hoffmanns
Erzählungen“), den Lohengrin in Wagners gleichnamiger Oper, den Otello von Verdi (in Cottbus und in North Carolina), den Max des „Freischütz“, den Erik aus Wagners „Fliegenden Holländer“, den Florestan („Fidelio“), Tony der „West Side Story“, den Hermann der Oper „Pique Dame“, den Phoebus der Uraufführung „Quasimodos Hochzeit“, den Samson aus „Samson und Dalila“ und zuletzt den „Tannhäuser“.

Seit nunmehr 7 Jahren hat John Pierce am Staatstheater Cottbus mit großer Ernsthaftigkeit,musikalischer Intelligenz und Phantasie mehr als 20 Partien unterschiedlichen Genres und Stils erarbeitet. Mit jeder Partie erschloß er sich neue Facetten der stimmlichen und
szenischen Interpretation. So sehr John Pierce mit seiner Persönlichkeit auf der Bühne maßgeblich zu einer künstlerisch geschlossenen Gesamtleistung beiträgt, so ensemblebildend ist auch sein freundliches, ehrliches und kooperatives Auftreten im Probenalltag.

Lieber John Pierce!
Wir hoffen nicht ganz uneigennützig, daß Ihnen die Arbeit am Cottbuser Staatstheater Spaß macht und Sie noch eine ganze Weile ihre Entdeckungen sozusagen vor Ort „ausleben“ können. Wir danken Ihnen von Herzen für Ihre Arbeit. Nehmen Sie als Zeichen unserer Anerkennung und unseres Dankes den Preis der Max-Grünebaum- Stiftung entgegen.