Max-Grünebaum-Preisträger 2019

Dr.-Ing. Thomas Giersch, Dr.-Ing. Thi Mai Hoa Häßler, Nadine Tiedge, Stefanie Platzer, Chuanru He (Foto: Marlies Kross)

Preisträger 2019

Die Preisträger der Max-Grünebaum-Preisverleihung 2019 (v.l.n.r.): Dr.-Ing. Thomas Giersch, Dr.-Ing. Thi Mai Hoa Häßler, Nadine Tiedge, Stefanie Platzer, Chuanru He

Foto: Marlies Kross


Verliehen wurden in diesem Jahr ein Max-Grünebaum-Preis an das Staatstheater Cottbus und zwei Max-Grünebaum-Preise an die BTU Cottbus-Senftenberg sowie an das Staatstheater Cottbus ein Förderpreis.

Der Max-Grünebaum-Preis ist mit jeweils 5.000 Euro dotiert. Max-Grünebaum-Preisträger des Staatstheaters Cottbus ist der 1. Konzertmeister Chuanru He. Den Karl-Newman-Förderpreis, eine Theaterreise nach London, erhielten gemeinsam die Theaterpädagogin Nadine Tiedge und die Konzertpädagogin Stefanie Platzer.

An die Wissenschaftlerin Thi Mai Hoa Häßler und den Wissenschaftler Thomas Giersch von der BTU Cottbus-Senftenberg wurde je ein Max-Grünebaum-Preis verliehen.


Chuanru He

Max-Grünebaum-Preisträger 2019

1. Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters

Liebes Ehepaar Gumbel, sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes und des Kuratoriums der Max Grünebaum-Stiftung, sehr geehrte Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Mitglieder des Stiftungsrates der Brandenburgischen Kulturstiftung, sehr geehrte Preisträger, sehr geehrte Damen und Herren,

1986 war ein bedeutendes Jahr aus vielerlei Gründen. Über zwei dieser Gründe möchte ich heute sprechen.

Zum einen wurde 1986 eine Städtepartnerschaft begründet zwischen den Städten Shanghai und Hamburg. Eine Städtepartnerschaft, die für das Staatstheater Cottbus noch bedeutungsvoll werden sollte. Zum anderen wurde in diesem Jahr unser Preisträger in Nanjing/China geboren.

Sein erster Kontakt mit der Musik geschah 1992, als ihm, knapp 6-jährig, von seinem Vater eine   1/8  Geige in die Hand gedrückt wurde. Er erwies sich als talentiert, sodass er von 1998 bis 2004 seine Studien am Nanjing Arts Institute fortsetzen konnte. Ab 2004 studierte er schließlich am Shanghai Conservatory of Music.

Seine erste Begegnung mit Deutschland hatte er 2009, im Rahmen eines Austauschprogrammes zwischen dem Shanghai Conservatory und der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, wo er bei den Professoren Christoph Schickedanz und Andreas Röhn studierte. Er überzeugte derart, dass er im Anschluss an das Austauschprogramm, im Rahmen des Konzertexamens, weiter bei Professor Schickedanz studieren konnte. In dieser Zeit sammelte er erste Erfahrungen als Konzertmeister im Hochschulorchester der HfMT Hamburg, später dann zwischen 2009 und 2011 als geschätzter Konzertmeister der Orchesterakademie des Schleswig-Holstein Musik Festivals. 2015 trat er die Stelle als 1. Konzertmeister des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie in Koblenz an, bevor er als stellvertretender Konzertmeister zum Sinfonieorchester Aachen wechselte.

2017 schließlich kam er zu uns ans Staatstheater Cottbus wiederum als 1. Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters. Darüber hinaus sammelte er Erfahrungen als Gastkonzertmeister     u. a. beim Orchestre Philharmonique Royal de Liège (OPRL).

Im Laufe seiner Karriere errang er zahlreiche Preise. Nicht nur in seiner Heimat in Nanjing und Shanghai, sondern auch in Hamburg beim Elise-Meyer-Wettbewerb der HfMT Hamburg, in Italien beim Violinwettbewerb „Andrea Postacchini“ sowie in Frankreich beim Wettbewerb de Cordes de Gérardmer-Kichompré.

Unser Preisträger ist Stipendiat der Oscar und Vera Ritter-Stiftung und des Richard-Wagner-Verbandes.

In Cottbus begeisterte er insbesondere durch seine hervorragenden Soli. Ich erinnere mich, dass er mir zu Beginn der Spielzeit 2017/18 sofort großen Eindruck machte mit dem berühmten Solo in „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss. Ebenso überzeugte er mit den Soli in „Till Eulenspiegel“, der 1. Sinfonie von Brahms und im Orchestergraben in den Musiktheaterwerken „Turandot“ und „Die Csárdásfürstin“.

 Als Konzertmeister ist er das wichtigste Bindeglied zwischen Dirigent und Orchester. Durch seine ruhige und souveräne Art sowie die Kombination aus der notwendigen Durchsetzungsfähigkeit und zugleich positiver Atmosphäre vermag er es, diese Aufgabe hervorragend zu erfüllen. Ich freue mich daher außerordentlich, dass der diesjährige Max-Grünebaum-Preis an unseren 1. Konzertmeister Chuanru He geht.

Laudatio von Alexander Merzyn,                                                                                                                kommissarischer Generalmusikdirektor

 

Nadine Tiedge

& Stefanie Platzer

Karl-Newman-Förderpreisträgerinnen 2019

Sehr verehrte Stifter, meine Damen und Herren,

um Ihnen die diesjährigen Preisträgerinnen des Karl-Newman-Förderpreises auf würdige Weise vorstellen zu können, habe ich im Real-Markt von Kolkwitz einen großen Joghurt-Becher und einen Besenstiel erworben. Und ich habe mir von einer bekannten Clownesse (oder Clownin?) eine rote Nase geborgt, die ursprünglich mal – wie alle roten Nasen – eine Pappnase war, heute aber aus Kunststoff hergestellt wird.

Dass ich diese Nase während der Laudatio nicht durchgängig trage, hat weniger damit zu tun, dass noch nie ein Redner bei unseren Festveranstaltungen eine Clownsnase getragen hat, vielmehr ist es dem Umstand geschuldet, dass mir für diese Nase die nötige Professionalität fehlt. Eine rote Nase aufsetzen – das kann jeder. Ein Clown sein hingegen – das ist eine Kunst. Ähnlich verhält es sich mit Besenstil und Joghurtbecher: Aus beiden und einer Perlon-Schnur ein einfaches, aber voll funktionsfähiges Musikinstrument zu bauen, das ist – mit ein paar guten Tipps – auch einem Laien möglich. Darauf zu spielen hingegen und nebenbei die Prinzipien der analogen Musikerzeugung in die von Ohrstöpseln verzierten Ohren der digitalen Generation zu pflanzen – Sie glauben es mir sicher alle sofort: Das ist eine Kunst.

Die beiden Frauen, mit denen ich Sie jetzt bekannt machen will, unsere beiden diesjährigen Förderpreisträgerinnen, beherrschen diese Künste perfekt, jede für sich die ihre.

Die Flötistin Stefanie Platzer, seit 2002 Mitglied unseres Philharmonischen Orchesters, lädt zugleich als Konzertpädagogin des Staatstheaters seit sieben Jahren immer wieder zum Bau solcher – wie wir scherzhaft sagen – „Baumarkt-Instrumente“ ein. Wenn die dann anfangen zu klingen, vergessen ihre Bauherren oder -frauen schnell, woraus sie gemacht sind.

Nadine Tiedge, unsere zweite Preisträgerin, eine diplomierte Sozial- und Theaterpädagogin und als letztere seit 2016 an unserem Haus tätig – sie ist die Frau, die mir die rote Nase borgte – Nadine Tiedge sucht in ihrer Arbeit tatsächlich immer wieder die Verbindung zur Clownerie, um die Geschichten und Themen, die unser Theater behandelt und die Fragen, die junge Menschen bewegen, zusammenzuführen. Ganz so, als könne mit einer roten Nase auf der Nase ein jeder besser über Faust und Mephisto, Onkel Wanja und Wilhelm Tell, ja sogar über die Brüder Stockmann reden. – … Wenn Ihnen jetzt der Name Stockmann nicht sofort geläufig ist, dann – und jetzt spreche ich als der ehemalige Marketingmann dieses Hauses – kaufen Sie bitte sofort eine Karte für die nächste Aufführung von Ibsens Schauspiel EIN VOLKSFEIND. Die Stockmanns sind die Protagonisten der Inszenierung von Jo Fabian und bringen unsere aktuellen Konflikte um Demokratie und Recht vorbildlich auf den Punkt.

Nadine Tiedge entwickelte für Schülerinnen und Schüler zu dieser Inszenierung einen Clownsworkshop, in dem die Auseinandersetzung der jungen Leute mit diesen aktuell so brennenden Konflikten dank der Clownsrolle, in die sie schlüpfen, sofort eine humorvolle ist, frei von falscher Ehrfurcht und falschen Zuspitzungen, aber auch frei von Angst und dem Gefühl, zu wenig zu wissen. Denn so ein Clown bietet auch Schutz, wenn auch nicht vor – so doch für Irrtümer. Und er lässt kaum Spielraum für Blödeleien: Niemand ist so resolut, so zielorientiert, so ernst wie ein Clown! So gesehen sind der Clown, die Clownesse oder Clowin „Brückenbauer“ zwischen erwachsener Theaterwelt und Heranwachsenden, und diejenigen, die sich ihrer bedienen, die Theaterpädagogen, sind es natürlich auch …

… ja, und glauben Sie mir: So gesehen werden wir dem, was Stefanie Platzer und Nadine Tiedge, die Konzert- und die Theaterpädagogin an unserem Haus, leisten, nicht im Mindesten gerecht. Auch wenn es mir, dem Marketingmann, eigentlich schon reichen sollte! Nein: Theater- und Konzertpädagogik als Publikumsbeschaffung – das ist ganz und gar nicht die Rolle, in der sich die beiden Kolleginnen sehen.

Stefanie Platzer entwickelt, organisiert und moderiert seit 2012 Konzerte für die Allerkleinsten: Konzerte für Minis und Mucki-Konzerte. Im Mittelpunkt dieser Konzerte, zu denen sich unser Kammermusiksaal regelmäßig in eine Krabbelburg verwandelt, steht die ästhetisch-musikalische Erziehung der Zwei- bis Fünfjährigen. Oder, ein anderes Beispiel: Die Schülerinnen und Schüler der von Stefanie Platzer betreuten Patenschulen des Philharmonischen Orchesters sind natürlich gern gesehene Gäste in Schul- und Familienkonzerten. Schön, wenn wir aufgrund ihrer Kartenwünsche den 2. Rang öffnen müssen. Wichtiger aber in dieser Patenschaft: die große Nähe der Musikerinnen und Musiker zu den Kindern, in der Schule, bei Projekten oder Probenbesuchen. Im Mittelpunkt wieder: eine kulturelle Bildung, die nicht beim organisierten Klassenbesuch endet, sondern die Begegnung der Kinder mit Menschen, die ihr Leben der Musik verschrieben haben, genauso einschließt wie eine Bastelei mit Joghurtbechern und Besenstielen.

Ähnliches lässt sich aus Nadine Tiedges Arbeit berichten, z.B.  aus der Arbeit als künstlerische Leiterin unseres Theaterjugendkubs. Drei Inszenierungen hat Nadine Tiedge bislang mit jungen Leuten zwischen 14 und 23 Jahren herausgebracht; in allen dreien hat sie ein methodisches Prinzip realisiert, das charakteristisch ist für ihre Arbeitsweise: Sie regt an, schafft Voraussetzungen, öffnet Wege. Ob diese beschritten werden, entscheiden die jungen Leute selbst. In einem Inszenierungsprozess führt das oft zu überraschenden, fragmentarischen Ergebnissen. Für die jungen Spieler*innen und ihr überaus zahlreich erscheinendes Publikum hat diese Methode jedoch etwas tief Ermutigendes und Befreiendes. Und ein Clown ist dabei immer im Spiel.

Liebe Frau Platzer, liebe Frau Tiedge,

es war schön für mich, mit Ihnen gemeinsam eine Zeit lang arbeiten zu können. Dass wir in dieser gemeinsamen Arbeit die Theater- und Konzertpädagogik des Staatstheaters zu einem eigenständigen Bereich entwickeln konnte, dessen Initiativen und Projekte mittlerweile aus unserem Theater ebenso wenig wegzudenken sind wie aus städtischen und regionalen Schulen, ist Ihnen zu danken. Sie haben – gemeinsam mit Ihrer Vorgängerin Elke Dreko – ein stabiles Fundament gelegt, auf dem nun gut weitergearbeitet werden kann, vor allem im Musiktheater und im Ballett.

Herzlichen Glückwunsch zum Karl-Newman-Förderpreis. Wie auch das Hin und Her des Brexits ausgehen möge: London ist immer eine Reise wert.

Laudatio von Bernd Seidel                                                                                                                Marketingleiter am Staatstheater Cottbus und am Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst bis Sommer 2019

Thomas Giersch

Max-Grünebaum-Preisträger 2019

Thema der Arbeit: Numerical Models for the Vibration Response of High Pressure Compressor Rotors with Validation for Forced Response and Surge

 Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, in diesem Jahr einen weiteren Nachwuchswissenschaftler aus den Reihen der BTU Cottbus-Senftenberg auszeichnen zu können. Dafür danken wir der Max Grünebaum-Stiftung und dem Kuratorium, die es Jahr für Jahr möglich machen, diese Tradition fortzuführen.

Lassen Sie mich den Preisträger, Herrn Dr. Thomas Giersch, kurz vorstellen:

Thomas Giersch wurde 1983 in Forst geboren und wuchs in Cottbus auf. 2004 begann er sein Studium an der BTU Cottbus im Studiengang Maschinenbau. Während seines Studiums arbeitete er an zwei verschiedenen Lehrstühlen als Hilfswissenschaftler. Eine Tätigkeit, so Herr Giersch, die maßgeblich für seinen Entschluss, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, entscheidend war.

2009 absolvierte er seine Diplomarbeit mit der Note „sehr gut“, die außerdem als „Beste Diplomarbeit der Fakultät“ in dem Jahr ausgezeichnet wurde. Mit dieser Arbeit erhielt er weiterhin eine Nominierung für den Absolventenpreis des Landes Brandenburg 2010, den er nur knapp verpasste.

Bis Ende 2014 blieb er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der BTU und der Fakultät für Maschinenbau, Elektro- und Energiesysteme treu. Mit Engagement und Freude hat er außerdem mehrfach Abschlussarbeiten von Studierenden betreut, die später zum Teil ebenfalls eine Auszeichnung erhielten. Durch seine Einbindung in Lehraufgaben entlastete Herr Dr. Giersch neben seiner Forschungstätigkeit das Lehrstuhlpersonal und bereicherte die Lehre mit seinen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Laut seinem Doktorvater, Prof. Arnold Kühhorn, sei seine Fähigkeit hervorzuheben, hochkomplexe Zusammenhänge in verständlicher Weise zu erklären. Während der Zeit am Lehrstuhl absolvierte Herr Giersch zudem einen Forschungsaufenthalt am Imperial College in London, eine der forschungsstärksten und renommiertesten Universitäten der Welt.

2015 wechselte Herr Giersch als Entwicklungsingenieur zu Rolls Royce Deutschland in Blankenfelde-Mahlow, wo er bis heute seine Kompetenzen einbringt. Außerdem ist er Mitautor der im vergangenen Monat mit dem „Rolls-Royce Innovationspreis 2019“ prämierten und am Lehrstuhl für Strukturmechanik und Fahrzeugschwingungen angefertigten Veröffentlichung An inverse approach to identify tuned aerodynamic damping, system frequencies and mistuning – Part 3: Application to engine data“.

Herr Giersch legte mit seiner Dissertation „Numerical Models for the Vibration Response of High Pressure Compressor Rotors with Validation for Forced Response and Surge“ eine exzellente Arbeit vor, auf einem von den namhaften Gutachtern als äußert anspruchsvoll bezeichneten wissenschaftlichen Gebiet. Die Arbeit, die Herr Giersch in einem Gemeinschaftsvorhaben mit dem Industriepartner Rolls-Royce Deutschland und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erarbeitete, stellt einen beachtlichen Fortschritt auf dem Forschungsgebiet dar. Sie zeichnet sich durch ein systematisches und sorgfältig abgesichertes Vorgehen aus und ist daher von extrem hohem wissenschaftlichem Stellenwert. Die Dissertation erhielt die bestmögliche Note „summa cum laude“.

Ich versuche nun, Ihnen die Details dieser zukunftsweisenden Arbeit, die sich mit Hochdruckverdichterrotoren von Flugtriebwerken beschäftigt, näher zu beschreiben:

Herrn Gierschs Dissertation beschäftigt sich mit der Vorhersage von Vibrationen, wie sie in Fluggasturbinen / Flugtriebwerken auftreten können. Hierbei geht es insbesondere um die Verdichterbeschaufelung. Das ist zum Beispiel der große Fan, den man sieht, wenn man von vorn auf das Triebwerk schaut.

Diese Laufräder können durch unterschiedlichste Effekte zum Schwingen angeregt werden. Damit diese Bauteile dabei nicht verschleißen, man spricht von „High Cycle Fatigue“, also Materialermüdung durch große Anzahl von Lastwechseln, ist es nötig sicherzustellen, dass die auftretenden Schwingamplituden akzeptabel sind. In Fluggasturbinen verwendet man üblicherweise Messsensoren um nachzuweisen, dass alles im Rahmen ist. Jedoch ist der Einsatz von solcher Sensorik sehr aufwendig und häufig nicht unter allen Bedingungen möglich. Auch liefern einem die reinen Messergebnisse nicht zwangsläufig eine Erklärung, warum die Schaufeln nun gerade vibrieren. Hier kann man mit Simulationen mehr Licht ins Dunkle bringen und so Ursachenforschung wesentlich detaillierter betreiben, als es ohne sie der Fall wäre. Es gelingt ihm, Theorie und Experiment noch näher aneinander anzupassen und so ein hohes Vertrauen in die unterschiedlichen Vorgänge zu gewinnen.

Warum ist das so wichtig?

Die Hersteller von Fluggasturbinen sind angehalten, die erzeugten Emissionen (CO², Stickoxide, Lärm) stetig weiter zu reduzieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Komponenten effizienter arbeiten müssen und höher belastet werden und gleichzeitig so leicht wie möglich sein sollen. Die aerodynamische Belastung auf die Triebwerksbeschaufelung wird zunehmend erhöht, was einhergeht mit einer höheren mechanischen Belastung. Wenn man sich also in diese neuen Bereiche aerodynamischer Belastung hervorwagt, soll natürlich die hohe Sicherheit an die Luftfahrzeuge nicht leiden. Das heißt man wünscht sich die Belastungen sehr gut zu verstehen, um letztendlich die Konstruktion so optimal wie möglich zu gestalten. Das bedeutet meistens auch so leicht wie möglich.

Wenn man an elektrische / hybride Antriebssysteme denkt, wie sie für Kleinstflugzeuge mit kurzen Reichweiten konzeptioniert werden, erzeugen auch diese den Vortrieb durch Rotorschaufeln, d.h. die Erkenntnisse der Dissertation sind dafür auch direkt übertragbar und müssen nicht neu entwickelt werden. Die Vorgänge sind also dieselben wie bei einer Gasturbine, die Kraftstoff verbrennt.

Wir zeichnen heute mit Herrn Dr. Giersch einen Nachwuchswissenschaftler aus, dem man nachsagt, einen außerordentlich „erfrischenden“ Vortragsstil zu haben.

Herzlichen Glückwunsch!

Laudatio von Prof. Dr. Christiane Hipp                                                                                                                Amtierende Präsidentin der BTU Cottbus-Senftenberg

 

Thi Mai Hoa Häßler, geb. Luong

Max-Grünebaum-Preisträgerin 2019 

Thi Mai Hoa Häßler untersuchte unter dem Titel „ldentification of the state of stress in iron and steel truss structures by vibration based experimental investigations“, wie bestehende Stahlbauten auf Basis einer verlässlichen Bewertung ertüchtigt und erhalten werden können – ein hoch aktuelles Thema und eine immer wichtiger werdende Aufgabe im Bauingenieurwesen. Zentrale Herausforderungen sind in diesem Kontext Nachhaltigkeit, ressourcenschonender Materialeinsatz und die Bewahrung des kulturellen Erbes. Bisher führt der Mangel an fundierten Bewertungsverfahren oft entweder zum Abriss erhaltenswerter Bauwerke oder zu unwirtschaftlichen, möglicher Weise nicht erforderlichen konstruktiven Verstärkungsmaßnahmen. Im Denkmalbereich kann die Folge der vollständige Verlust eines Baudenkmals sein. Die Dissertation von Dr.-lng. Häßler wurde mit „magna cum laude“ sehr gut bewertet.

Unter Nutzung von Schwingungsuntersuchungen in Kombination mit numerischen Strukturanalysen und Modellparameter-Identifikationsmethoden entwickelte Dr. Häßler in ihrer Arbeit eine neuartige Verfahrensweise, um zerstörungsfrei den Spannungszustand von bestehenden, komplexen Eisen- und Stahltragkonstruktionen zu identifizieren. Das von ihr vorgeschlagene zweistufige Verfahren ermöglicht zudem auch eine Beurteilung der vorhandenen Rotationsfedersteifigkeiten in den Knotenpunkten. Überzeugend ist die Validierung des zunächst theoretisch entwickelten Verfahrens durch klug strukturierte Laborversuche und die Anwendung an einem realen Dachtragwerk. Im Ergebnis hat Dr.-Ing. Thi Mai Hoa Häßler den Forschungsstand zum Reverse Engineering deutlich erweitert und Grundlagen für eine Methodik entwickelt, die der praktischen Anwendung interessante Optionen eröffnet und eine effektive Zustandsbewertung ermöglicht. Für ihre Ergebnisse erhielt sie im Oktober 2018 den Forschungspreis des Deutschen Ausschusses für Stahlbau (DAStForschungspreis).